Die Resultate der weltweiten Forschungen auf dem Gebiet der Psychotraumatologie in den
letzten 10 - 15 Jahren sind von enormer Tragweite. Vor allem die Möglichkeiten der
bildgebenden Verfahren erlaubten rasante Entwicklungen bei Aussagen über die Folgen von
Extremstress (= traumatischer Stress) für den Organismus im Bereich der Neurobiologie,
der Neuropsychologie, der Neurophysiologie und der Somatik. Die Bezüge zur
Entwicklungspsychologie, zur kognitiven Verhaltenstherapie und zur Psychodynamik sind
Gegenstand intensiver Forschung, ebenso die Evaluation effizienter und effektiver
Behandlungsverfahren.
Die vorliegenden Daten und Ergebnisse werden derzeit weltweit rezipiert und erst nach und
nach in ihrer Bedeutung für die Krankheits- und Behandlungskonzepte der klinischen
Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie erfasst.
Traditionellerweise gab es bisher wenig Berührungspunkte zwischen den Neurowissenschaften
und dem mainstream der Psychotherapeutischen Schulen. Das Zentrum für
Angewandte Psychotraumatologie will hier vermitteln und integrativ wirken.
In der Traumatherapie/traumafokussierten Psychotherapie und in der
Traumabehandlung werden Ergebnisse der Psychotraumatologieforschung für die
Krankheits- und Behandlungskonzepte der Psychotherapie und der klinisch-psychologischen
Behandlung nutzbar gemacht.In der Akutpsychologie/Notfallpsychologie
(= Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen in Notfallsituationen) werden
analoge Methoden für den Umgang mit Menschen nach Akuttraumatisierung genutzt.
Die Umsetzungen der Psychotraumatologie für die Pädagogik und Beratung
stehen erst am Anfang, sollen in den Fortbildungsangeboten an unserem Institut aber in
Zukunft auch Eingang finden.
Traumatherapie bedeutet in erster Linie ein sehr strukturiertes
Gesamtbehandlungskonzept, welches den Besonderheiten von Traumafolgekrankheiten Rechnung
trägt. Technisch sind in der Traumatherapie unterschiedliche Behandlungselemente,
Übungen und Verfahren subsummiert. Alle Verfahren wurden spezifisch vor dem Hintergrund
der psychischen und neurophysiologischen Besonderheiten der Vorgänge bei
Traumatisierungen entwickelt und erprobt.
Die traumatherapeutische Grundhaltung ist geprägt von parteilicher Abstinenz. Es wird in
ganz besonderer Weise die verletzte, verzerrte Selbstwahrnehmung und die daraus
resultierende große Verunsicherung im mitmenschlichen Kontakt berücksichtigt.
Dem Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung wird im Aufbau und in einer speziellen
Haltung unabhängig von der jeweiligen Schule in der therapeutischen Beziehung
Rechnung getragen. Dies ist im Wesentlichen gekennzeichnet durch sehr viel Information
über alles, was im Hier und Jetzt geschieht, durch frühzeitige Aufklärung über die
Vorgänge bei Traumatisierung im Sinne einer kognitiven Stärkung und
Normalisierung der Symptome (Psychoedukation). Weiters werden zu allen Zeiten der
Therapie die PatientInnen als PartnerInnen und ExpertInnen für ihre Traumatisierung und die TherapeutInnen als ExpertInnen für die
Methoden und wissenschaftlichen Hintergründe der Störung gesehen. Auf dieser Basis
erfolgt in allen Phasen eine transparente gemeinsame Behandlungsplanung, wobei dieses
Vorgehen auch immer gleichzeitig immanent ressourcenstärkend ist. Hier wird die Haltung,
die schon in der Akutbetreuung als salutogenetisch bezeichnet wird,
beibehalten.
Typischerweise ist eine traumatherapeutische Behandlung in Phasen aufgebaut:
- Anamnese, Diagnostik, therapeutische Beziehung
- Stabilisierung
- Traumakonfrontation und Traumasynthese
- Integration, Trauer und Neuorientierung
Traumatherapie ist keineswegs eine neue Schule unter den zahlreichen
Psychotherapie-Methoden, vielmehr ist sie eine spezifische Ergänzung, die sowohl mit
tiefenpsychologischen Konzepten als auch mit kognitiven Therapiemethoden und
körpertherapeutischen Ansätzen gut kompatibel ist. Traumatherapie ist aufgrund der
psychotraumatologischen Theorienbildung notwendigerweise und konsequenterweise
schulenübergreifend.
In den Forschungen zur Psychotraumatologie der letzten 20 Jahre konnte nachgewiesen
werden, dass bei psychischer Traumatisierung mitunter dauerhafte Störungen der
Informationsverarbeitung und der Speicherprozesse (= Gedächtnisleistungen) im Gehirn
resultieren. Das führt unter anderem dazu, dass traumatische Erlebnisse mitunter dem
Alltagsbewusstsein nicht zugänglich sind, wohl aber bei bestimmten Signal-Reizen
(Trigger) sich unwillkürlich als eindringliche (intrusive) Erlebnis-Erinnerungen
aufdrängen (Flashbacks). Solche Flashbacks und andere intrusive Symptome sind in der
Regel durch herkömmliche Therapieverfahren nicht zugänglich bzw. kaum beeinflussbar.
In der Traumatherapie sollen jene wie abgekapselt vorhandenen traumatischen
Erlebnisfragmente in kontrollierter und portionierter Form der Verarbeitung
zugänglich gemacht werden.
Dazu ist es notwendig, in der ersten Phase der Stabilisierung eine Minimalkontrolle über
die inneren Vorgänge wiederzuerlangen. Das geschieht durch gezielte körperliche,
kognitive und imaginative Übungen. Ziel ist die Wiederermächtigung über das eigene
Innenleben und die Überwindung des Gefühls der Ausgeliefertheit an intrusive Symptome. Die
ermutigende Erfahrung dabei: Die Kontrolle über das Innenleben kann wiedererlangt
werden.
In der Phase der Traumakonfrontation und -synthese werden Ereignisse aus der
Traumageschichte wiederholt in kontrollierter Weise bearbeitet. Es erfolgt aus dem
stabilisierten Zustand heraus eine schrittweise Konfrontation und fraktionierte Begegnung
mit Bildern, Gefühlen und kognitiven Leitsätzen aus der Traumageschichte. Es wurden
hierfür in den letzten Jahren verschieden Techniken auf der Basis
verhaltenstherapeutischer, hypnotherapeutischer (Screentechnik) und psychodynamischer
(PITT) Ansätze heraus entwickelt. Mit EMDR steht hier auch eine neu entwickelte Technik
zur Verfügung.
Dadurch wird die Traumageschichte integrierbar in die Lebensgeschichte und wird wieder
erlebbarer Teil der persönlichen Biographie. Dieser Vorgang der Traumakonfrontation
erfolgt in wiederholten, kleinen Schritten und ist naturgemäß schmerzhaft - auch in
Begleitung von kompetenten TraumatherapeutInnen.
Dieser Prozess ist regelmäßig begleitet von Trauer und führt in die dritte Phase, die Phase
von Trauer und Neuorientierung.
Mitunter ist nach der Bearbeitung traumatischer Erlebnisse eine weiterführende
konventionelle Psychotherapie vonnöten. Es gilt jedoch: trauma first (Luise
Reddemann), da die (unbehandelten) Folgewirkungen traumatischer Erlebnisse die
erfolgreiche Durchführung einer konventionellen Therapie blockieren können.
Fragestellungen, die uns beschäftigen, die in unseren Veranstaltungen zur Diskussion kommen können,
die keineswegs beantwortet sind, die für uns Zeichen einer lebendigen Auseinandersetzung
mit einer neuen Wissenschaft sind der (Angewandten) Psychotraumatologie:
- Neurobiologie und Psychodynamik bei Traumafolgestörungen: Gibt es eine
Integrationsmöglichkeit der Betrachtungsweisen?
- Borderlinekonzept und/oder Dissoziationskonzept: Zwei Paradigmen, zwei völlig
verschieden Dinge oder nur zwei Seiten der gleichen Münze ?
- Welche Behandlung braucht ein akut traumatisierter Mensch, um an den Folgen des
traumatischen Stress nicht dauerhaft zu erkranken?
- Wie ist die optimale Kooperation der AnbieterInnen im Akutbereich und wie soll eine optimale
Übergabe der Betroffenen in weitere Betreuungsangebote erfolgen?
- Welche Rolle spielt die Psychoedukation in der Behandlung von einfachen und komplexen
Traumafolgestörungen?
- Kann den Besonderheiten von Übertragung und Gegenübertragung bei komplex
traumatisierten Menschen in der Traumatherapie Rechnung getragen werden?
- Kann kognitive Umstrukturierung in der Traumatherapie mit psychodynamischen
Behandlungselementen sinnvoll kombiniert werden?
u.v.a.m.
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